Business as (un)usual: Digitalisierung – Herausforderung im Berufsleben

Man lernt ja nicht aus, was es alles gibt: Vom Netzwerk für berufliche Fortbildung erhielt ich eine Einladung zum „Pre-Opening Talk“ der Bildungsmesse Neckar-Alb binea. Das Expertengespräch fand einen Tag vor der offiziellen Eröffnung der Bildungsmesse im kleinen Rahmen statt – dafür war das Themenspektrum um so größer.

Perspektiven neu denken

„Digitalisierung – Herausforderungen im Berufsleben: Fit durch Fortbildung!“ lautete der Titel des Pre-Opening Talks. Experten aus Wirtschaft, Wissenschaft und Weiterbildung waren eingeladen:

Die Veranstaltung am Donnerstag, 2. Februar, um 18 Uhr in der Reutlinger Stadthalle moderierte Dr. Ulrich Bausch. Bausch ist Vorsitzender des Netzwerks für berufliche Fortbildung und Geschäftsführer der Volkshochschule Reutlingen.

Screenshot aus einem Video über die Bildungsmesse binea.
Beim Pre-OpeningTalk der Bildungsmesse Neckar-Alb diskutierte ich mit Georg Falke, Dr. Uwe Bausch, Prof. Dr. Kai Sassenberg und Dr. Carl-Heiner Schmid über die Chancen und Risiken der Digitalisierung in der Bildung. Foto: Screenshot RTF1

Das Gespräch startete mit einem kurzen Austausch zu den Veränderungen der Berufswelt durch die Digitalisierung. Carl-Heiner Schmid von der HS-Heinrich Schmid GmbH & Co. KG berichtete, dass seine über 4200 Handwerker auf den Baustellen Tablets und Smartphones einsetzen – positionierte sich aber auch klar, dass die Wertschöpfung im Handwerk über die Arbeit mit den Händen erfolgt.

Georg Falke forderte unter anderem eine deutlich bessere Ausbildung der Lehrenden in der Weiterbildung bezüglich der Nutzung digitaler Technik. Hier konnte Prof. Dr. Kai Sassenberg schon auf Pilotprojekte verweisen, die sein Institut betreut. Er zitierte aber auch Studien, dass die Massive Open Online Courses (also rein digitale Weiterbildungskurse für Massen von Nutzern) oft nur von 1,5 Prozent der Teilnehmenden abgeschlossen werden.

Professor Sassenberg pflichtete mir bei, dass das Kursangebot auf Englisch und Spanisch sehr umfangreich ist – während zum Beispiel deutschsprachige Kurse vergleichsweise selten sind und längst nicht so viele Themen abdecken.

Opfer und Profiteur der Digitalisierung

Aufgegriffen wurde meine recht provokante Äußerung, dass (nicht nur) ich selbst Opfer und und Profiteur der Digitalisierung bin. Auf die Frage des Moderators, ob Digitalisierung ein „Jobkiller“ sei, stellte ich die beiden Perspektiven heraus.

Digitalisierung als Jobkiller

Grafik mit zurückgehenden Auflagenzahlen bei Tageszeitungen
Die Auflagen der Tageszeitungen gehen seit Jahren massiv zurück – steigende Verkaufszahlen beim ePaper können dies nicht auffangen. Quelle: WUV

Nicht zuletzt die Fachzeitschrift „Werben und Verkaufen (WUV)“ berichtet immer wieder, wie sehr die Auflagen von Tageszeitungen und Magazinen sinken. So titelt Petra Schwegler etwa „Print schrumpft weiter“ und zitiert dazu Zahlen der  Informationsgemeinschaft zur Feststellung der Verbreitung von Werbeträgern e. V. (IVW). Der Auflagenrückgang führt zu einer Konzentrationswelle bei Zeitungen und Zeitschriften. Und auch zu Problemen, den lokalen Journalismus zu finanzieren. Noch ist keine Lösung für eine Zwickmühle erkennbar: Auf der einen Seite ist diese kritische Begleitung durch unabhängige Berichterstattung unverzichtbar für eine demokratische Gesellschaft, auf der anderen Seite ist diese Gesellschaft immer weniger bereit, dafür zu bezahlen. Schließlich scheint es doch über das Internet kostenlose Alternativen zu geben, die schneller, attraktiver, bunter, individueller und leichter zu konsumieren sind.

Jeder wird zum Filmproduzenten

Wenn man an die ikonischen Bilder von 9/11 oder der Notlandung auf dem Hudson-River denkt, dann sind nicht nur Printmedien betroffen. Man benötigt keine Druckmaschine und kein Filmteam mehr, um relevante, aktuelle, von Millionen konsumierte Inhalte zu erzeugen. Aber wer zahlt dafür, dass Journalisten aufwendig recherchieren, prüfen, aufbereiten und ein (hoffentlich) ausgewogenes Gesamtbild der Welt liefern? Und dafür, dass uns Journalisten auch mal etwas Neues erzählen sowie Altbekanntes hinterfragen?

Der Kostendruck führt zu Spezialisierung, zu weniger Vielfalt, zu weniger Präsenz der einzelnen Journalisten „vor Ort“ – und damit dazu, dass die Meinungsbilder weniger breit sind. Wenn weniger Journalisten zu einem Termin anreisen, wenn viele Journalisten elektronische Pressestellen, E-Mails und die Datenlieferung direkt ins Redaktionssystem als Haupt-Nachrichtenquelle nutzen – dann ist das eine inhaltliche Verarmung. Es steigert darüber hinaus die Gefahr, dass Lobbyisten, Verbände, Meinungsbildner, PR-Fachleute, im Kleinen Pressesprecher oder Öffentlichkeitsbeauftragte das Bild bestimmen.

Ich selbst habe mich angesichts der massiven Veränderungen gefragt, ob das die journalistische Welt ist, in der ich arbeiten möchte. Zumal die Konkurrenz fast übermächtig erscheint. Ein Stück weit bin ich eben „Opfer“ der Digitalisierung – und habe deshalb meinen Job gewechselt.

Das böse Facebook

Facebook wird von vielen als wichtigste – und oftmals einzige – Nachrichtenquelle genutzt. Fast die Hälfte der US-Amerikaner unter 35 sieht dies so, wie Christian Stöcker in seinem Spiegel-Artikel „Radikal dank Facebook“  darstellt. Dabei landen Menschen leicht in einer „Filterblase“, wie es Eli Pariser nennt: Sie sehen nur Inhalte, die von Algorihtmen für sie bestimmt werden. Es entsteht der Eindruck „Die ganze Welt ist meiner Meinung“ (Konrad Lischka).

Social Bots, also Meinungsroboter, können in Wahlkämpfen gezielt eingesetzt werden, um das Weltbild der Social-Media-Nutzer zu verändern. So jüngst geschehen beim US-Wahlkampf mit „politischem Direktmarketing“. Social Bots sind nur ein Beispiel für die Entwicklungen, die Digitalisierung derzeit nimmt. Rutschen wir in eine düstere Welt?

Der Nutzer, User, Leser – er stimmt mit den Füßen oder besser: mit dem Mausklick und Tablet-Wisch ab, was relevant ist. Was geteilt wird, und was nicht. Was viral wird. Was attraktiv ist.

Frank Börnard vom InPark A81 spricht im Regionalfernsehen RTF1.
Das Regionalfernsehen RTF1 interviewte mich zum Thema Big Data. Foto: Screenshot RTF1

Hier ist auch ein Bezug zur Weiterbildung zu sehen: Wenn ich mir künftig Zertifikatslehrgänge selbst aussuche und zusammenstelle – rein nach meinen persönlichen Interessen –, dann erhalte ich ein Studium, dass viel mehr meinen Talenten, meinen Schwerpunkten, meinen Fähigkeiten entspricht. Ich schaue aber (pessimistisch betrachtet) wesentlich weniger in unbekannte, möglicherweise wichtige und neue Wissensgebiete.

Wer ist eigentlich (nicht) betroffen?

Nicht nur Journalisten sind bereits jetzt stark von der Digitalisierung beeinflusst – bis hin zum Roboter-Journalismus, der aus Fakten eigenständig Meldungen erstellt. Ohne menschliches Zutun.

Aber auch andere Branchen sind bekanntlich betroffen. Selbst Ärzte. Computer erstellen inzwischen schon sehr präzise Diagnosen und Prognosen, wie unter anderem ein kurzer BBC-Beitrag zum Beth Israel Deaconess Medical Center zeigt.

80 Prozent Materialeinsparung

Schon 2013 zeigte eine Studie, die Rolls Royce im Auftrag der EADS erstellte, dass bei Flugzeug-Triebwerken der Abfall bei der Produktion (er macht 5,5 der insgesamt 6,5 Tonnen eingesetzten Materials aus) um 80 Prozent reduziert werden kann. Die Auswirkungen (auch) auf die Arbeitsplätze werden entsprechend groß sein – sowohl was die Qualifizierungen, die Ortsunabhängigkeit der Produktion, die Bedeutung einzelner Zweige wie dem spezialisierten Maschinenbau wie auch die Anzahl und Verteilung der Arbeit angeht.

Zumal 3D-Druck nicht nur den Aufwand reduzieren kann – weil schlicht nicht mehr gebohrt, gefräst, geschliffen und poliert werden muss – sondern auch, weil völlig neue Bauteile möglich werden. Deshalb hat Rolls Royce für das neue Trend-XWB-97-Triebwerk in der Entwicklung bereits Getriebegehäuse mit einem Durchmesser von 1,5 Meter im 3D-Druck (Additive Layer Manufacturing, ALM) produziert. Schon beim Druck konnten neuartige Heizkanäle integriert werden.

Man ist schon geneigt, zu sagen „natürlich“ sind noch viele andere Branchen und Technologien betroffen. Der „Report 3D-Printing“ der Europäischen Kommission zeigt, was heute alles denkbar ist:

  • Implantate – vom Zahnersatz, der den Zahntechniker überflüssig machen könnte bis hin zu ganzen, perfekt angepassten Knochen.
  • Alle nur vorstellbaren Plastik- und Metallteile. Darunter auch Ersatzteile für jede Maschine, die auf Basis der Daten weltweit gedruckt werden können und nicht mehr verschifft werden müssen.
  • Deko-Artikel fürs Haus und Spielzeuge.
  • Textilien.
  • Bauteile und ganze Häuser.
  • Essen.

Die Chancen der Digitalisierung

Beim Pre-Opening Talk wies ich bewusst auch auf die Chancen hin – denn ein Teil von mir ist eben auch „Profiteur der Digitalisierung“. Mein nebenberufliches Studium der Betriebswirtschaft war zunächst der Versuch, irgendwie noch einen Studienabschluss zu bekommen.

Als „Fachfremder“ habe ich dabei alle mir zur Verfügung stehenden und erreichbaren Möglichkeiten genutzt, um das Studium zu schaffen. Von Youtube-Videos bis zu Recherchen mit Suchmaschinen und in Online-Ressourcen verschiedener Universitäten, von Online-Kursen bis zu Lern-Software, von auf dem Tablet erstellten Mind-Maps bis hin zum Austausch mit anderen Studierenden über digitale Kanäle. Ganz nebenbei bemerkt: Ich habe fast alle MOOCs, zu denen ich mich angemeldet hatte, auch absolviert. Es sei denn, ich fand sie nicht relevant oder schlecht gemacht. Bei all dem war ich nicht nur Konsument, sondern auch Produzent. Bei meinen Vor-Ort-Recherchen zum Thema „Impulse, Ideen und Innovationen für den Einzelhandel“ habe ich zur Dokumentation und Erkundung Dutzende Fotos geschossen und einige Videos gedreht. Wobei das nicht einmal ansatzweise vergleichbar ist mit dem Aufwand, den Hochschulen heute schon treiben.

Es ist faszinierend, mit welchem Aufwand Institute wie das Massachusetts Institute of Technology (MIT) die MOOC-Teilnehmenden motivieren und über einen Spannungsbogen bei der Stange halten. Doch die Produktion solcher Kurse ist hoch aufwendig. Für den Markt aller Englisch-Sprechenden lohnt sich das – für die vergleichsweise wenigen Deutschsprachigen, die sich nebenbei weiterbilden wollen, eher nicht. Zumal es so gut wie nie offizielle ECTS-Punkte für die Kurse gibt.

Mein persönlicher Erfolg dank der Nutzung aller Möglichkeiten: Ich „schaffte“ das Studium nicht nur, sondern schloss es als Fachfremder sehr gut ab. Deshalb nutze ich weiterhin die digitalen Chancen – ohne die analoge Welt aus den Augen zu verlieren. In einem von mir geleiteten Vertriebs-Workshop sagten die Teilnehmer schließlich, sie seien heute wegen der modernen Kommunikationsmethoden nicht seltener, sondern häufiger bei ihren Kunden.

Ein Plädoyer fürs Analoge

Bei der Betreuung Studierender an der Business School Alb-Schwarzwald stelle ich darüber hinaus immer wieder fest, dass Erwachsene in der Weiterbildung froh sind, wenn sie persönlich betreut werden. In Räumen, die weitgehend frei sind von digitaler Technik. Schließlich sitzen sie üblicherweise schon in ihren Berufen die meiste Zeit vor dem Rechner. Ganz bewusst setze ich daher auch auf ungewöhnliche analoge Techniken bei kreativen Workshops.

Frank Börnard setzt ein Kamishibai in einem Workshop mit Unternehmern ein.
In einem Workshop mit Unternehmern habe ich schon ein japanisches Papiertheater eingesetzt und die Teilnehmenden selbst zeichnen lassen. Das Kamishibai erwies sich als hervorragendes, rein analoges Werkzeug. Foto: Andrea Weigold

Als Wirtschaftsförderer des InPark A81 habe ich dennoch auf die Chancen der Digitalisierung in der Bildung hingewiesen. Fachkräfte in ländlichen Regionen wissen die Möglichkeiten, ortsunabhängig bei hochkarätigen Experten zu studieren, zu schätzen. Das Youtube-Video ist oft die beste Anleitung. Gut gemachte Online-Kurse oder Lernsoftware kann man in seinem eigenen Tempo, nach seinen eigenen Fähigkeiten und seinem eigenen Zeitplan optimal nutzen. Zudem ist diese Form der Weiterbildung auch noch preiswert, die Inhalte immer wieder verfügbar und der Umgang mit digitaler Technik leicht zu erlernen.

Die Lösung liegt wie immer in einer Mischung

Im Unterricht an kleinen Hochschulen können über digitale Technik die Potenziale der weltweit führenden Universitäten und Kapazitäten genutzt und beispielsweise lokal diskutiert werden. „Blended Learning“, das Nutzen der Vielfalt vom persönlichen Gespräch bis hin zu modernster virtueller Technologie ist eine zu große Chance, als dass man sie nicht kennen und einsetzen sollte.

Das Fernsehen fasst zusammen

Der Fernsehsender RTF1 hat zur Bildungsmesse binea und dem Pre-Opening Talk einen kleinen Filmbeitrag gedreht und einige Aspekte der Gesprächsrunde aufgegriffen:

Links:

Allgemeine Infos zu Digitaler Bildung:

Bildungsmesse Neckar-Alb binea

Learning how to learn MOOC, University of San Diego

Massachusetts Institute of Technology (MIT)

Netzwerk für berufliche Fortbildung

Artikel zu 3-D-Druck/Additive Layer Manufacturing:

EU-Studie

„Report 3D-Printing“

Genannte Firmen:

Business School Alb-Schwarzwald

HS-Heinrich Schmid GmbH & Co. KG

InPark A81 – Interkommunales Gewerbegebiet Sulz am Neckar | Vöhringen

RTF1 – Fernsehen für die Region Neckar-Alb

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